Projektbericht Frühjahr 2010

Bericht zu den Projektarbeiten im Frühjahr 2010 in der Wibia Primary School, Wibia, Singida District, Tansania

Nachdem Tina Hinsenkamp im Oktober 2009 im Singida District weitere Schulen für eine Zusammenarbeit mit Wibia e.V. erkundet hat, reiste Jochen Müller vom 09.02.-25.02.2009 nach Tansania. Schwerpunkt seiner Reise war die Auswertung der Erfahrungen aus dem ersten Jahr Schulspeisung, Instandhaltungsaufgaben in der Schule, die Analyse der erstmalig in 2009 eingerichteten medizinischen Dienste, die Vereinbarung neuer Projekte zur Verbesserung der Wohnsituation von Lehrern und medizinischem Personal (der aktuell aufgebauten Dispensary) und die Ausweitung von Wibia e.V.-Aktivitäten auf eine neue Schule.

Schulspeisung: Nachhaltigkeit und Steigerung von 446 auf 640 teilnehmende Schulkinder
Die Erfahrungen aus dem ersten Jahr Schulspeisung in Wibia sind insgesamt positiv. Seit Start der Schulspeisung in 2008 hat sich die Zahl der am Unterricht teilnehmenden Kinder von 446 auf 640 erhöht, in diesem Jahr wird ein weiterer Anstieg auf 700 Kinder erwartet. Der Speiseplan ist seit Mitte 2009 nebst Uji (Porridge) um Ugali mit Bohnen erweitert worden (Ugali lässt das Herz jedes Tanzanianers höher schlagen!).  Zurzeit gibt es eine warme Mahlzeit in der Schule: 3mal die Woche Uji sowie Montag und Freitag Ugali mit Bohnen.

Die Analyse der Schulspeisung zeigt insbesondere die Nachhaltigkeit durch Einbeziehen von Dorfbevölkerung, Behörden und Schule und die Eigenverantwortlichkeit in Organisation der Schulspeisung und Beschaffung von Lebensmitteln. Die geplante Selbstbeteiligung der Dorfbevölkerung wurde nicht ganz erreicht (60% der vereinbarten finanziellen Mittel, 40% an Lebensmitteln), zeigt aber trotzdem den großen Eigenanteil der Dorfgemeinschaft – für das erste Jahr ein gutes Ergebnis.

Insgesamt wurden von Februar 2009 bis Februar 2010 15200 kg Mais/Millet, 1120 kg Zucker, 1516 kg Bohnen, 306 l Öl und 50 kg Salz verbraucht. Auf der Ausgabenseite kommen noch je 300 TTSh (Umrechnung: 1 EURO = 1.877,3 Tansanische Schilling (TSh)) für Anstellung von Köchen und für das Mahlen des Getreides hinzu. Die Beteiligung der Dorfgemeinschaft für das erste Jahr betrug 8000 kg Mais/Millet und 600 TTSh. Der Anteil von Wibia e.V. umfasste insgesamt 4,5 MTSh  zur Beschaffung weiterer Lebensmittel. Der District stellte die notwendigen LKWs für den Transport der Lebensmittel nach Wibia bereit.

Die Planung für das kommende Jahr geht von einer weiteren Zunahme von Schulkindern aus, so dass etwa 19400 kg Mais/Millet, 1500 kg Zucker, 1970 kg Bohnen, 400 l Öl und 65 kg Salz benötigt werden. Hierbei soll der Anteil für Mais/Millet komplett von der Dorfbevölkerung übernommen werden, Wibia e.V. unterstützt bei den Lebensmitteln, die nicht oder nicht genügend im Dorf vorhanden sind. Die finanzielle Beteiligung jeder der 500 Familien in Wibia wird sich von 2 TTSh auf 3 TTSh erhöhen, der Anteil an Mais/Millet bleibt konstant bei 40 kg je Familie. Aufgrund der erwarteten Selbstbeteiligung durch die 500 Familien in Wibia kann der Anteil von Wibia e.V. von 5 MTSh auf etwa 3 MTSh in 2010 sinken. Der Anteil des Dorfes und der Schule nimmt vereinbarungsgemäß mit der Zeit zu, so dass sie langfristig die Schulspeisung aus eigener Kraft tragen können.
Die Schulspeisung in Wibia hat übrigens eine Art Leuchtturm-Charakter im Singida-District. Bis heute haben sich Abgesandte aus 10 verschiedenen Schulen vom Schulkomitee über die Organisation/ den Ablauf informieren lassen

Herausforderung WFP
WFP (World Food Program der UN) wird seine Aktivitäten bzgl. Ausrichtung von Schulspeisungen im Singida District deutlich von etwa 30 auf 110 Schulen erweitern (Beginn März 2010). WFP-Schulspeisungen umfassen die komplette Lieferung der benötigten Lebensmittel und den Bau von Öfen. Die unterstützten Schulen müssen ein Küchengebäude bereitstellen und die Zubereitung/ Verteilung der Lebensmittel organisieren.
Nachteile der WFP-Schulspeisungen ist die mangelnde Nachhaltigkeit, d.h. das „Nicht aus sich selbst heraus wachsen“, und die Belastung des lokalen Marktes mit zumeist importierten Lebensmitteln. Da alle Lebensmittel von außen - kostenlos - zugeführt werden, kann die entstehende Abhängigkeit bzw. mangelnde Selbstbeteiligung bei einem Wechsel von Schwerpunkten in UN-Förderungsprogrammen zu einer Einstellung führen. Die Auswirkungen der Importe von Lebensmitteln auf den lokalen Markt müssen zudem kritisch gesehen werden. So werden z.B. für die Schulspeisung in der Primary School in Makiungu Mais aus Kanada, Öl und Salz aus Deutschland verwendet.

Leider wurde Wibia - und alle Schulen rund um Wibia - von den Behörden in das WFP-Schulspeisungsprogramm aufgenommen. „Leider“ klingt vielleicht etwas seltsam, da sich natürlich die Situation an den ausgewählten Schulen durch das WFP-Programm deutlich verbessert. Die Herausforderung für Wibia besteht nun darin, dass benachbarte Schulen ohne größere Selbstbeteiligung eine Schulspeisung durchführen, während Wibia im eigenen Programm einen wesentlichen Beitrag selbst bereitstellen muss.
Nach intensiven Diskussionen hat sich Wibia - als einzige Schule im Singida District - für die Nicht-Teilnahme am WFP-Programm und für die Weiterführung einer eigenständigen Schulspeisung entschlossen. Dies ist sicherlich eine Entscheidung für den schwierigen, aber auch einen unabhängigen und nachhaltigen Weg.

Instandhaltungsarbeiten
Für die Schulspeisung ist das Auffangen des Regenwassers wichtig. Der in 2006 gebaute Wassertank zeigt aktuell Cracks, so dass der Tank zur Regenzeit nicht genügend gefüllt wird. Dies kann u.a. auf die Erdbeben in der Region (Afrikanisches Rift Valley) zurückgeführt werden. Auch sind Instandhaltungsarbeiten an den Regenrinnen der Schulgebäude notwendig geworden. Unser Partner HAPA Singida hat die Instandhaltung übernommen und wird bis April die Mängel beheben.

Im Rahmen der Instandhaltungsarbeiten wurde mit Hilfe der Lehrer und Dorfbevölkerung aus den Bruchstücken alter Schultische 30 neue Tische erstellt.

Ein dringend benötigter Klassenraum konnte aufgrund von erheblichen Bodenschäden nicht für den Schulunterricht genutzt werden. Mit Hilfe der Dorfbewohner wurde der alte Boden entfernt, Zement aus Singida im Rahmen der Lebensmittellieferung beschafft, die Dorfbewohner sammeln je 8 Kubikmeter Sand und Steine aus der Umgebung und HAPA wurde beauftragt in Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern eine neue Bodenplatte zu zementieren.

Potenzial für zukünftige Aufgaben hat die Fertigstellung von zusätzlichen Toiletten für Jungen. Hier teilen sich zurzeit 300 Jungen 4 Bodenlöcher.

Medizinische Versorgung
Die medizinische Versorgung ist in ländlichen Gegenden Tanzanias schwierig. Da oftmals weite Entfernungen bis zum nächsten Krankenhaus zurückgelegt werden müssen (für Wibia etwa 2 Stunden), können auch einfache Verletzungen/ Erkrankungen extreme Folgen haben. Die Entfernungen zur nächsten medizinischen Versorgungsstation und Kostengründe bewirken, dass nur in besonderen Fällen ärztliche Hilfe aufgesucht wird.
Seit Anfang 2009 kommt etwa alle 14 Tage ein Team aus dem Krankenhaus Makiungu nach Wibia, um medizinische Dienste für die Schulkinder und für Mütter von Kindern bis 5 Jahre anzubieten. An den Vorortterminen erfolgt eine medizinische Untersuchung/ Behandlung der Schulkinder (Children Screening). Zusätzlich wird im Rahmen der Mutter-Kind-Dienste eine Gesundheitserziehung durchgeführt, um frühzeitig über Krankheiten und deren Vermeidung zu informieren.

Die medizinischen Dienste zeigen insgesamt sehr erfreuliche Ergebnisse. Sie wurden sehr professionell und zuverlässig durch das Krankenhaus in Makiungu durchgeführt. Es gibt zurzeit keine Kinder mehr mit den so typischen Pilzinfektionen am Kopf, auch auf die verbreiteten Wurminfektionen konnte relativ schnell reagiert werden.
Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1098 Kinder untersucht, 267 kranke Kinder wurden ambulant behandelt, 328 Kinder gegen Polio, DPT, HB, HIb und Masern geimpft. Neben Medikamenten zur Behandlung von Mangelerscheinungen (z.B. Eisenpräparate, Vitamine) wurden insbesondere Mittel zur Pilzbehandlung und Wurmtherapie ausgegeben.
In 2010 wird das medizinische Angebot auch die Untersuchung schwangerer Frauen erweitert. Hierzu wird noch zusätzliches medizinisches Equipment vor Ort benötigt (z.B. eine Waage, Blutdruckmessgerät etc.).

Bis zur Arbeitsfähigkeit der geplanten Dispensary sind mit dem Krankenhaus weitere medizinische Dienste in 2010 vereinbart worden (bis zu 3 Mal pro Monat).

Dispensary und Lehrhäuser
Das District Medical Office hat Wibia als Standort für eine der wenigen Dispensaries (Apotheke und Ambulanz zugleich) im District ausgewählt, welche sich aktuell im Bau befindet und Mitte 2010 fertig gestellt werden soll. Gerade im Hinblick auf eine schnelle Hilfe bei Notfällen stellt eine Dispensary eine erhebliche Verbesserung der medizinischen Versorgung dar. Eine funktionsfähige Dispensary kann zukünftig auch die Aufgaben der medizinischen Dienste vom Krankenhaus Makiungu übernehmen.

Üblicherweise wird eine Dispensary von einem Medical Officer und zwei Schwestern betreut. Funktionsfähig ist eine Dispensary jedoch erst, wenn nach Fertigstellung der Dispensary auch Unterkünfte für das medizinische Personal verfügbar sind. Diese sind im District-Budget für 2010 (und fraglich in 2011) leider nicht vorgesehen, so dass ohne Hilfe eine Verbesserung der Lage nicht abzusehen ist.
Wibia e.V. unterstützt nun die Operationsfähigkeit der Dispensary durch die Erstellung von einem Double Staff House mit insgesamt 34 MTSh. Das Doppelhaus bietet zwei Familien Unterkunft und hat je Haus 3 Schlafräume, 1 Wohnzimmer, einen Hinterhof mit Küche, WC, Lagerraum und Bad. In Absprache mit dem District werden nach Fertigstellung der Personalunterkünfte das medizinische Personal und das notwendige medizinische Equipment nach Wibia gesandt. Plan zur Fertigstellung und eine funktionsfähige Dispensary ist September/Oktober 2010.

Zurzeit bestreiten 11 Lehrer den Unterricht für 640 Kinder in der Wibia Schule Ya Msingi. Die Zahl der für den Unterricht verfügbaren Lehrer reduziert sich im Mittel auf etwa 8-9, da für verschiedene organisatorische Aufgaben (Schulleitung, Organisation der Schulspeisung, Besuche im District Education Office mit einer langen Anreise etc.) Lehrer eingeteilt werden. Zusätzliche Lehrer werden daher dringend benötigt (80 Kinder in einer Klasse sind nicht ungewöhnlich).
Die Lehrer und Lehrerinnen leben mit ihren Familien in insgesamt 7 Lehrerhäusern und zwei zusätzlichen Räumen, die durch den Umbau eines alten Klassenraums geschaffen wurden. Um die Unterbringung der Lehrer zu verbessern, wird eine Hälfte des Double Staff House für Lehrer verwendet. Des Weiteren wurde mit dem District Education Office die Entsendung von zwei zusätzlichen Lehrern ab Juli 2010 verabredet – auch als Gegenleistung für die Erstellung der Staff Houses durch Wibia e.V.

Erweiterung der Wibia e.V.-Projekte auf eine weitere Schule
Trotz aller Projekte der letzten Jahre ist ein Schulbesuch in Wibia noch weit von den Standards vieler  Grundschulen in Tanzania entfernt. Vergleicht man den Zustand der Wibia Schule Ya Msingi heute mit dem Ausgangszustand in 2002, sind jedoch viele Verbesserungen der Schulsituation erzielt worden. Gerade bei Besuchen anderer Schulen im Umfeld von Wibia wird dies besonders deutlich.
Daher werden wir in 2011 zusätzlich eine weitere Schule in die gemeinschaftlichen Projektarbeiten aufnehmen – jedoch ohne die erfolgreichen Projekte in Wibia zu vernachlässigen oder zu gefährden. Die oben beschriebenen Arbeiten in Wibia verbrauchen das gesamte Budget in 2010, so dass erst 2011 größere finanzielle Mittel für neue Projekte bereitgestellt werden können.
Jochen Müller besuchte die Primary Schools in Samaka und Damankia etwa 15 km südlich von Wibia, die Tina Hinsenkamp bereits in ihrem ersten Besuch als geeignete Partner identifiziert hatte. Beide Schulen benötigen Hilfe u.a. bei Bauprojekten: Samaka beim Neubau von einsturzgefährdeten Klassenräumen, Damankia beim Bau von Lehrerhäusern und Klassenräumen (hier gibt es nur 1 Lehrerhaus für 7 Lehrer!).
Wichtig für den Beginn einer neuen Zusammenarbeit ist eine langsame Herangehensweise, die Zeit zum Kennenlernen und Vertrauen schaffen einräumt. Hier sind kleinere Projektarbeiten und insbesondere die persönliche Mitarbeit, z.B. beim Bau/ Renovierung eines Klassenraums, mögliche erste Schritte. Sie gehen größeren finanziellen Projektaufwendungen stets voraus.

Wie immer werden Projekte oder spezielle Maßnahmen mit allen Beteiligten diskutiert und entschieden. Nur so kann Erfolg und Nachhaltigkeit der Projekte gewährleistet bleiben. Hierzu wurden wieder viele Diskussionen mit Schulkomitee, Dorfgemeinschaft, dem District Education und District Medical Office sowie dem Krankenhaus in Makiungu geführt.

Wibia e.V. finanziert sich hauptsächlich durch private Spenden, die zu 100% in die laufenden Projekte fließen. Zur weiteren Unterstützung der Projekte im Singida District, Tanzania, benötigen wir auch weiterhin Ihre Hilfe.

Asante sana (Herzlichen Dank) für Ihre Unterstützung!

Ihr Wibia-Team